Letzte Woche sass ich auf meiner Terrasse in Staad. Der See lag ruhig vor mir, die Luft war warm, und ich dachte: Eigentlich ist das gerade schön. Und gleichzeitig war da diese seltsame Geräuschkulisse, das Dröhnen eines Rasenmähers, Kinderstimmen aus dem Nachbargarten, irgendwo ein Radio, und über allem die Hitze, die sich anfühlte, als hätte jemand das Volumen des ganzen Tages einfach aufgedreht.
Ich merkte, wie mein Körper reagierte. Nicht mit Erschöpfung, sondern mit einer Art innerer Anspannung.
Für viele Menschen mit ADHS ist dieser Moment nicht nur ein gelegentliches Sommerphänomen. Er ist oft die Regel.
Was der Sommer mit dem ADHS-Nervensystem macht
ADHS betrifft nicht nur die Aufmerksamkeit. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus Aufmerksamkeit, Impulsivität, Emotionsregulation, Sensorik, Exekutivfunktionen, Nervensystemdynamik und Selbstwert. Und genau in diesen Bereichen bringt der Sommer eine besondere Herausforderung.
Die äussere Struktur des Alltags fällt weg. Die Schule ist aus, die Tage sind offen, die Familie ist zuhause. Was für viele Menschen wie Freiheit klingt, kann für ein ADHS-Nervensystem bedeuten: Die Haltepunkte, die den Tag gegliedert haben, sind verschwunden. Gleichzeitig steigt die Reizbelastung, durch Hitze, Lärm, soziale Dichte und längere Abende mit weniger Schlaf.
Aktuelle Forschung zeigt, dass Menschen mit ADHS oft sensibler auf Umweltreize reagieren, nicht weil sie schwächer wären, sondern weil ihr Nervensystem Reize anders filtert und gewichtet. Hitze verstärkt das noch. Sie verlangsamt das Gehirn und macht das Nervensystem gleichzeitig wacher, eine Kombination, die einfach anstrengend ist.
Was Achtsamkeit hier leisten kann und was nicht
Ich möchte ehrlich sein: Achtsamkeit löst das nicht. Sie ist kein Weg, das Nervensystem ruhigzustellen oder den Sommer erträglicher zu machen, indem man sich einfach mehr entspannt.
Was Achtsamkeit aber tatsächlich kann, ist Früherkennung. Die Fähigkeit, den eigenen Körper zu spüren, bevor er in den Überflutungsmodus kippt. Das klingt einfach, ist aber für Menschen mit ADHS echte Übungssache. Viele, die zu mir in den Kurs kommen, berichten, dass sie Überforderung erst dann bemerken, wenn sie schon mitten drin sind. Achtsamkeitspraxis trainiert genau das: wahrzunehmen, was gerade ist, ohne sofort zu reagieren.
Konkret kann das bedeuten: eine kurze Pause in der Mittagshitze.
Nicht mehr leisten müssen als möglich ist
Was mich an diesem Thema wirklich bewegt, ist die stille Erwartung, die viele Menschen mit ADHS an sich selbst stellen: Der Sommer sollte schön sein, erholsam, leicht. Und wenn er das nicht ist, muss irgendetwas falsch sein.
Es bedeutet gar nichts. Oder besser gesagt: Es bedeutet, dass dein Nervensystem gerade etwas trägt, das real ist. Und dass es erlaubt ist, das anzuerkennen, bevor man irgendetwas dagegen tun möchte.
Das ist vielleicht die tiefste Form von Achtsamkeit: wahrnehmen, dass es gerade schwer ist, ohne sich dafür zu bestrafen.
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