Viele Erwachsene mit ADHS kennen dieses Gefühl: Ein Impuls entsteht und ist bereits umgesetzt, bevor überhaupt ein bewusster Gedanke entstehen konnte. Ein Wort ist raus, eine Türe fällt ins Schloss, eine Nachricht ist abgeschickt. Und erst danach kommt das Bewusstsein: Eigentlich hätte ich das anders machen wollen.
Diese Diskrepanz zwischen dem, was man impulsiv tut, und dem, was man eigentlich gemeint hat, kann sehr belastend sein. Sie hinterlässt nicht nur Spuren in Beziehungen, sondern auch im eigenen Selbstbild.
Der österreichische Psychiater Viktor Frankl hat einmal beschrieben, dass zwischen einem Reiz und unserer Reaktion ein Raum liegt. In diesem Raum liegt die Möglichkeit, bewusst zu wählen, wie wir antworten möchten. Bei ADHS wird dieser Raum oft als sehr klein erlebt, manchmal so klein, dass er sich gar nicht vorhanden anfühlt.
Aber er ist da. Und er kann grösser werden.
Ein Beispiel aus dem Alltag
Ein Elternteil kommt gestresst nach Hause und sieht, dass das Kind seine Sachen wieder überall liegen gelassen hat. Der erste Impuls ist, laut zu werden. Die Reaktion passiert schnell, und erst danach entsteht das Bewusstsein: Eigentlich hätte man ruhiger reagieren wollen. Viele Menschen mit ADHS berichten genau das: Sie wissen im Nachhinein, wie sie gerne gehandelt hätten. In dem Moment selbst war dieser Spielraum nicht zugänglich.
Achtsamkeit setzt genau hier an Achtsamkeitsübungen trainieren nicht die Kontrolle über Impulse, sondern zunächst etwas viel Einfacheres: die Wahrnehmung. Wer beginnt wahrzunehmen, was in ihm vorgeht, wer also innere Prozesse früher bemerkt, körperliche Empfindungen, aufsteigende Emotionen, Gedanken, der schafft sich damit allmählich einen kleinen Moment des Innehaltens.
In der Meditationspraxis beginnt das mit kleinen, konkreten Erfahrungen. Wenn zum Beispiel ein Jucken entsteht, ist der automatische Impuls, sich sofort zu kratzen. In der Achtsamkeitspraxis wird geübt, dieses Jucken erst einmal zu beobachten, den Impuls zu bemerken, ohne ihn sofort umzusetzen. So wird erfahrbar, dass zwischen Reiz und Reaktion tatsächlich ein zeitlicher Spielraum existiert, auch wenn er anfangs noch sehr klein ist.
Veränderung ist möglich
Unser Gehirn bleibt lernfähig. Durch wiederholte Übung können sich neuronale Verbindungen verändern, das nennt sich Neuroplastizität. Was in der Meditation als winziger Moment beginnt, kann sich mit der Zeit auch im Alltag zeigen: In schwierigen Situationen entsteht vielleicht ein kurzer Atemzug, der zuvor nicht da war. Ein kleines Innehalten, bevor die Antwort kommt.
Das gelingt nicht immer. Aber es gelingt öfter als zuvor.
Und schon allein das Wahrnehmen, dass gerade etwas passiert, dass gerade Druck entsteht oder eine Emotion hochsteigt, verändert die Erfahrung. Man ist nicht mehr ganz so sehr mittendrin, sondern einen kleinen Schritt daneben. Wenn dich dieses Thema vertieft interessiert, habe ich dazu auch ein Video für die Fachakademie ADHS 20+aufgenommen, in dem ich die psychologischen und neurobiologischen Hintergründe genauer erkläre.
Was genau in deinem Gehirn passiert, wenn du regelmässig übst, liest du hier: Was in deinem Gehirn passiert, wenn du meditierst. Und wenn du kennst, dass auf einen impulsiven Moment oft Selbstkritik folgt, könnte dieser Artikel für dich interessant sein: Warum bin ich so chaotisch? Selbstkritik bei ADHS.


