Viele Menschen mit ADHS berichten mir, dass Meditation sich nicht nur schwierig anfühlt, sondern manchmal regelrecht unangenehm. Nicht weil die Gedanken so laut sind, sondern weil es so still ist. Es passiert nichts und der Kopf vermisst plötzlich dieses gewohnte Futter, das er im Alltag ständig bekommt.
Das ist kein Zufall und auch kein Zeichen, dass Meditation nichts für dich ist. Es ist eine ganz logische Reaktion eines Gehirns, das auf Reize ausgerichtet ist und nun plötzlich weniger davon bekommt als sonst.
Was passiert, wenn wir die Augen schliessen
Im Alltag nehmen wir die Welt vor allem über das Sehen wahr: Bewegungen, Farben, Gesichter, Bildschirme, Räume, Menschen. Das visuelle System ist ständig aktiv und liefert dem Gehirn eine Fülle an Informationen. Wenn wir in der Meditation die Augen schliessen, fällt genau dieser Kanal weg. Wir sind plötzlich auf die anderen vier Sinne angewiesen, auf das Hören, das Tasten, den Geschmack, den Geruch, also genau jene Sinne, die im Alltag eher im Hintergrund bleiben.
Für viele Menschen ist das eine angenehme Entschleunigung. Für Menschen mit ADHS kann es sich zunächst wie Entzug anfühlen. Der Kopf fragt und sagt: Was soll ich jetzt tun? Ist das langweilig!
Und weil nichts Aufregendes passiert, springt die Aufmerksamkeit schnell zu eigenen Gedanken, Fantasien, inneren Bildern, also dorthin, wo sie sich mehr Stimulation erhofft.
Was du stattdessen tun kannst
Das Gute ist: Du musst die Augen gar nicht schliessen. Viele Menschen mit ADHS finden es einfacher, mit einem weichen, leicht gesenkten Blick zu meditieren. Die Augen sind geöffnet, aber nicht aktiv auf der Suche nach etwas. Du lässt die Umgebung einfach da sein, ohne ihr zu folgen. Eine andere Möglichkeit ist, die anderen Sinne bewusst als Anker zu nutzen. Geräusche zum Beispiel eignen sich gut, weil sie sich ständig verändern und damit gerade für Menschen mit ADHS interessant bleiben. Du musst nicht in der Stille meditieren. Du kannst mit dem meditieren, was da ist: Vogelstimmen, Strassengeräusche, das Summen des Kühlschranks.
Auch Körperempfindungen bieten einen lebendigeren Anker als der Atem allein. Wie fühlen sich die Füsse auf dem Boden an? Wo spürst du Wärme, Druck, Kribbeln? Das sind echte Empfindungen, die sich verändern und genau diese feine Veränderung kann die Aufmerksamkeit halten.
Langeweile ist kein Fehler
Wenn du in der Meditation Langeweile spürst, dann bedeutet das nicht, dass du es falsch machst. Langeweile ist selbst eine Erfahrung, die du beobachten kannst. Was passiert in dir, wenn es langweilig wird? Wo spürst du das im Körper? Entsteht ein Drang, aufzustehen, das Handy zu nehmen, irgendetwas zu tun?
Dieses Bemerken ist bereits Achtsamkeit und je öfter du es übst, auch die ungemütlichen Momente einfach wahrzunehmen ohne sofort zu reagieren, desto mehr wächst genau jener Spielraum, der im Alltag so wertvoll ist.
Falls du noch am Anfang bist und nicht weisst, wie du überhaupt anfangen sollst, lies gerne: Meditieren mit ADHS: Du kannst nichts falsch machen. Was regelmässiges Meditieren mit deinem Gehirn macht, erkläre ich hier: Was in deinem Gehirn passiert, wenn du meditierst.


