Ich höre das oft: Jemand hat eine Meditation auf YouTube ausprobiert und versucht zwanzig Minuten lang mit den Gedanken nicht abzuschweifen und am Ende bleibt das Gefühl: Das ist nichts für mich. Ich kann einfach nicht meditieren.
Dabei liegt es nicht an der Person. Es liegt an einem weit verbreiteten Missverständnis darüber, was Meditation überhaupt ist.
Die meisten Menschen glauben, Meditation bedeute, dass wir uns während der ganzen Zeit auf ein Objekt konzentrieren, den Atem zum Beispiel, und einfach dabei bleiben. Aber das stimmt so nicht. Meditation besteht aus zwei Komponenten: zum einen die Aufmerksamkeit auf das Objekt und zum anderen das Abschweifen des Geistes, das wir immer wieder beobachten können. Unsere Aufgabe ist es, dieses Abschweifen zu bemerken, manchmal ist das bereits nach ein paar Sekunden der Fall, manchmal erst nach ein paar Minuten, und die Aufmerksamkeit dann freundlich, aber bestimmt zurückzubringen zu unserem Fokus. Ob dieser Fokus nun der Atem ist, eine Körperempfindung, eine Bewegung, Geräusche oder Gedanken, das ist zunächst zweitrangig.
Und Meditation heisst übrigens auch nicht, dass wir still sitzen müssen. Für viele Menschen mit ADHS ist achtsame Körperbewegung sogar der einfachere Einstieg, also zum Beispiel achtsames Gehen oder bewusstes Dehnen. Der Fokus ist derselbe, nur der Anker ist ein anderer.
Fang klein an
Ich erlebe in meiner Praxis immer wieder, dass es für Menschen mit ADHS einfacher ist, mit kurzen Übungen zu beginnen, also Übungen von vielleicht fünf Minuten, und sich dann langsam heranzutasten. Viele resignieren, bevor sie überhaupt begonnen haben, weil sie sich vorstellen, eine halbe Stunde still sitzen zu müssen, und das fühlt sich von Anfang an unmöglich an. Dabei muss es nicht immer die halbe Stunde sein, denn auch mehrmals täglich fünf Minuten können bereits erste spürbare Auswirkungen auf das Befinden haben, besonders wenn du gerade am Anfang bist.
Du kannst es nicht falsch machen
Das vielleicht Wichtigste: Bei der Meditation gibt es kein Scheitern. Egal wie viel du anwesend bist und egal wie oft deine Gedanken wandern, was du in der Meditation erlebst, ist genau das, was richtig ist in diesem Moment. Jedes Abschweifen, jedes Zurückkehren, das ist die Übung selbst und nicht das Hindernis davon.
Das ist besonders bedeutsam, wenn du mit ADHS lebst, denn viele Menschen mit ADHS haben in ihrem Leben oft erlebt, dass ihnen etwas nicht gelingt, und haben dann irgendwann das Handtuch geworfen. Bei der Meditation gibt es diesen Moment nicht.
Wenn dich interessiert, was Meditation eigentlich in deinem Gehirn bewirkt, lies gerne meinen Artikel Was in deinem Gehirn passiert, wenn du meditierst. Und falls Meditation sich für dich einfach langweilig anfühlt, findest du hier mehr dazu: Warum Meditation sich für Menschen mit ADHS langweilig anfühlt.


